Was ist Co-Verhalten?

Co-Verhalten bedeutet, ein Störungsbild unbewusst aufrechtzuerhalten oder zu unterstützen.
Co-Verhalten verhindert Veränderung und Entwicklung bei demjenigen, der mit der Störung lebt.
Alle Beteiligten haben einen gewissen Vorteil von diesem Verhalten:
Wer von der Störung betroffen ist, muss nichts verändern.
Die co-abhängigen Familienmitglieder ersparen sich unangenehme Auseinandersetzungen und anstrengende Konflikte.

Leitfragen
Wo und wie trage ich mit meinem Verhalten zum Erhalt der Essstörung einer Angehörigen (A)/Schülerin (S) bei?
Welchen Gewinn habe ich von diesem Verhalten? Was erspare ich mir dadurch?
Welche die heilsame Entwicklung bei der Betroffenen behindere ich damit?

Co-Verhaltensweisen

  • Maskieren nach außen (die Essstörung verstecken)
  • Negativer Effekt:
    Führt verstärkt zu essgestörtem Verhalten und verhindert, dass sich ein Problembewusstsein entwickelt.

    S: "In unserer Schule brauchen wir keine Essstörungs-
    seminare, denn bei uns gibt es keine Essstörungen."
    A: "In unserer Familie gibt es keine Probleme. Eine schwierige
    Phase macht doch jeder mal durch, das ist normal!"

    • Schluss mit dem Tabu! Übernehmen Sie als Einrichtung oder Familie die Ihnen mögliche Verantwortung und sprechen Sie an, was Sie nicht wahrhaben und lieber verdrängen würden
  • Konfrontation vermeiden
  • Negativer Effekt:
    Trägt zum Erhalt der Essstörung bei und verhindert heilsame Veränderungen bei den Betroffenen.

    S: Die Sportlehrerin schaut weg und lässt das magersüchtige Mädchen mitturnen.
    A: Die Mutter einer magersüchtigen Tochter bereitet das Essen
    ohne Fett zu, um sich Auseinandersetzungen zu ersparen.

    • Verschließen Sie nicht die Augen vor dem, was sie sehen!
      Sprechen Sie es an! Nehmen Sie die Unstimmigkeit ernst, die Sie in sich spüren, wenn Sie das Verhalten der Betroffenen auf sich wirken lassen. Bleiben Sie bei dem, was für Sie wirklich stimmt und lassen Sie sich nicht von der Essstörung einwickeln.

 

  • Kontrollieren
  • Negativer Effekt:
    Führt verstärkt zu essgestörtem Verhalten, fordert Machtkämpfe heraus und drängt die Essstörung in die Heimlichkeit ab.
    Ist ein Angriff auf die Selbstbestimmtheit der Betroffenen und verhindert eine heilsame Reifung.

    A: Eltern " überwachen" ihre Kinder, um sie notfalls mit Strenge
    oder Strafen von essgestörtem Verhalten abzubringen.

    • Statt dessen sollten Sie Vereinbarungen treffen, die die Selbstverantwortung stärken oder professionelle Hilfe suchen.

 

  • Verantwortung abnehmen
  • Negativer Effekt:
    Verhindert die Entwicklung von Selbstverantwortlichkeit bei den Betroffenen.

    S: Die Lehrerin macht für die Schülerin Termine in verschiedenen
    Beratungsstellen aus, anstatt sie das selbst tun zu lassen.
    A: Eltern nehmen ihre essgestörte Tochter für Monate
    aus der Schule um ihr zuhause Schonung und Ruhe zu ermöglichen.

    • Leiten Sie stattdessen zur Selbstverantwortlichkeit an, und suchen Sie immer wieder das Gespräch, um zu schauen, ob das Vereinbarte umgesetzt wurde.

 

  • Bagatellisieren (Verharmlosen)
  • Negativer Effekt:
    Verhindert den Blick auf tiefere Zusammenhänge und provoziert die Betroffenen, essgestörtes Verhalten verstärkt zu benützen, da sie sich nicht ernst genommen fühlen.

    S/A: "Es gibt doch Schlimmeres. In dem Alter haben doch alle Probleme mit ihrer Figur."

    • Es könnten ernstzunehmende Störungen hinter anscheinend "normalen" Problemen stehen. Sie sollten fachkundige Hilfe hinzuziehen, um die Situation richtig einschätzen zu können.

 

  • Kooperieren (mit der Essstörung zusammenarbeiten)
  • Negativer Effekt:
    Trägt zum Erhalt der Essstörung bei (Chronifizierung)
    und verhindert eine heilsame Entwicklung der Betroffenen.

    S: Die Sportlehrerin lässt die magersüchtige Schülerin mitturnen,
    weil die sie sich so gern bewege. (Sie übersieht den krankhaften Bewegungsdrang.)
    A: Die Mutter einer bulimischen Tochter füllt immer wieder die
    Nahrungsmittelvorräte auf, die die Tochter für Ess-Brechanfälle benützt.

    • Setzen Sie klare Grenzen und stellen Sie klare und konsequent eingehaltene Regeln auf (z.B ein Grenz-BMI von 18,5 für Sportfähigkeit).
    • Stellen Sie klare Regeln auf, welche Nahrungsmittel nicht missbraucht werden dürfen. Setzen Sie der Bulimie in Absprache mit Ihrer Tochter spätestens da Grenzen, wo Sie an den Rand Ihrer Belastbarkeit kommen.

 

  • Sich abfinden
  • Negativer Effekt:
    Trägt zum Erhalt der Essstörung bei (Chronifizierung) und provoziert dazu, essgestörte Verhaltensweisen verstärkt zu benützen, da sich die Betroffenen nicht gesehen fühlen.

    S: "Es gibt jede Menge Probleme an unserer Schule.
    Ich kann sie nicht alle lösen.
    Damit müssen wir hier halt leben." (Lehreraussage).
    A: "Wir haben ja schon alles probiert.
    Wir müssen halt damit leben."

    • Sie müssen das Problem nicht lösen. Sie sollten es aber anschauen und mithelfen, einen Rahmen zu finden, in dem Ihrer Schülerin geholfen werden kann.
    • Machen Sie sich stattdessen täglich die Mühe, hinzuschauen, der Problematik neu die Stirm zu bieten und sich nicht an die Essstörung zu gewöhnen. Holen Sie sich die Kraft dafür in einer Beratung oder Selbsthilfegruppe für Angehörige.

 

  • Beschützen oder retten wollen
  • Negativer Effekt:
    Verhindert eine heilsame Entwicklung und kann für die Betroffenen tödlich enden.

    S: "Wenn deine Eltern so wenig Verständnis für dich zeigen, helfe ich dir.
    Das schaffen wir schon zusammen!"
    A: "Wir geben unser Kind nicht in die Klinik! Das schaffen wir schon alleine!"

    • Lassen Sie sich professionell beraten, was Sie im Einzelfall als Angehörige/Lehrer leisten können, und wo die Grenzen Ihrer Kompetenz/Hilfeleistungen liegen und Sie nur noch dadurch helfen können, dass sie therapeutische Hilfe hinzuziehen
    • Überschätzen Sie nicht ihre Fähigkeiten! Essstörungen sind zum Teil lebensbedrohliche Erkrankungen, die in 10-15% der Fälle tödlich enden und fachkundig behandelt werden müssen.