Es war immer Winter

In meinen Erinnerungen war früher immer Winter. Auch wenn es Sommer war fühlte es sich an wie Winter, ruhelos und kalt. Ich hatte Angst, habe selten gelacht, immer eine unsichtbare Pistole aus Hunger und Verboten auf der Brust. Ich hatte „Sternchentage“, das waren Tage an denen ich es geschafft habe, nichts festes zu essen. Ich habe sie im Kalender mit einem Sternchen gewürdigt. Am Ende eines jeden Monats dann die Frage ob er besser war als der vorherige. Ich hatte immer Probleme mit festem Essen, also habe ich mir Suppen gekocht, meist aus Wasser, Tomatenmark, Kräutern und Tabasco. Oft kam dann allerdings der Heißhunger, also habe ich gefressen und gekotzt. Danach Abführmittel. Meistens musste ich mich dann für 2 Tage krankschreiben lassen, weil ich mich so elend fühlte.

Essstörungen führen nur in eine Richtung, es gibt keine guten und schlechten Tage - es gibt nur schlechte Tage. Denn auch Sternchentage sind schlechte Tage. Ich habe nur verdammt lange gebraucht um das zu kapieren. Die Magersucht machte mich zu einer Perfektionistin, die es niemals schaffen konnte, perfekt zu sein.

Im Mai 2007 wurde ich unerwartet schwanger, freute mich auf mein Kind und dachte, durch die lange Zeit würde die Essstörung von selbst verschwinden. Doch als mein Baby auf der Welt war holte sie mich ein ohne dass ich es überhaupt merkte. Lange Zeit beschrieb ich mich trotzdem als normal, ich achtete ja nur auf mein Gewicht. Doch dann zogen wir nach Freiburg, völlig in die Fremde.

Irgendetwas ist passiert, irgendwann habe ich den Kreis der mir „erlaubten“ Lebensmittel so klein werden lassen, dass mir oft sogar die Energie gefehlt hat, morgens aufzustehen. Ich war furchtbar nervös, blass, dünn natürlich. Und schwach, ich habe es nicht mehr geschafft meinen kleinen Sohn die Treppe hinaufzutragen. Außerdem war ich dermaßen eingeschüchtert und ängstlich, dass ich mich nicht mal mehr traute die Post aus dem Briefkasten zu holen, aus Angst einem Nachbar zu begegnen. Die Anorexie hat mir einfach nichts mehr zurückgegeben, weder in meinem Kopf, noch im Spiegel oder auf der Waage.

Nach einem schlimmen Streit mit meinem Freund hat ich die erste E-Mail an Andrea geschickt und einen Termin bekommen. Ich war wahnsinnig nervös. Natürlich war das Gespräch nicht schlimm, dennoch ging ich mit gemischten Gefühlen nach Hause. Musste ich wirklich zunehmen? Sollten wir in der Therapie nicht lieber erst einmal über die Krankheit reden? Denn vor dem Zunehmen hatte ich am meisten Angst. Ich habe ziemlich genau 24 Stunden gebraucht um mich FÜR die Therapie zu entscheiden und von da an ganz fest an meinem Essenplan, den mir Andrea erstellt hat, festgehalten. Nie habe ich eine Mahlzeit ausgelassen oder verkleinert, nie habe ich gekotzt. Und das allein hat gereicht um mich stolz auf mich selbst sein zu lassen. Es war einfach keine Unsicherheit mehr da, ich war völlig überzeugt das richtige zu tun. Und bin es heute noch. Dieses Gefühl konnte mir die Essstörung in all den Jahren kein einziges Mal geben, meine Anstrengung reichte nie aus, die Essstörung war nie zufrieden mit mir.

Heute habe ich wirklich Freude am Essen. Und das Rezept hierfür ist eigentlich so einfach: Dem Körper Nahrung geben, denn danach sehnt er ich am meisten.Und die geistige Therapiearbeit wird leichter, weil sich die Krankheit nicht gegen eine Magersüchtigen, sondern gegen einen Menschen behaupten muss, der seine Entscheidung getroffen hat.

Ich kann nur sagen dass es mir momentan gut geht, ich weiß wie ich auf meine inneren Bedürfnisse achte und sie auch wirklich ernstnehme. Diese Übungen, die ich in der Therapie gelernt habe, helfen auch in schwierigen Situationen nicht an Selbstbestrafung in Form von Hungern zu denken. Ich wünsche mir von ganzem Herzen dass es so bleibt und dass ich nie wieder so tief falle. Aber ich glaube daran und allein das unterscheidet die heutige Angelina von der alten.

Aber erwähnen möchte ich, dass mir das niemals gelungen wäre ohne meinen wunderbaren Freund Tom, der mir jeden Tag zur Seite steht und nur ganz selten die Geduld verliert. Ich danke Dir für die Zeit, in der Du mich buchstäblich ertragen musstest und hoffe, dass unsere Zukunft viel heller wird! Danke an meinen kleinen Sohn, der mir jeden Tag vor Augen führt, wofür sich das alles gelohnt hat.

Und natürlich danke ich meiner Familie, die mich unterstützt hat wo sie konnte, sei es bei Sonntagsessen oder bei Kontoschwierigkeiten. Und Dir, Andrea, danke ich natürlich auch. Du hast mir gezeigt, dass man es schaffen kann, gesund zu werden.