Mein Weg aus der Essstörung

Es kommt mir vor, als wäre es ein anderes Leben gewesen, wenn ich an die Zeit meiner Essstörungen zurückdenke. Dabei sind die Gefühle, die mich damals bewegt haben, heute noch so nah, als wäre es gestern gewesen.
Sechzehn Jahre sind nun vergangen, seit ich die letzte Ess-Brechattacke hatte. Seit zehn Jahren habe ich mein normales Gewicht wieder. Und täglich werde ich ein bisschen mehr die, die ich eigentlich immer schon war, bevor ich die wurde, die ich im Grunde nie sein wollte.
Anstatt Essstörung zu leben, was fast zehn Jahre lang mein Lebensinhalt war, helfe ich nun anderen, den Weg aus dem Teufelskreis zu finden. Ich liebe meine Arbeit und möchte mit niemandem tauschen. Und es kommt von Herzen, wenn ich sage: „Ich lebe mein Leben und habe zu mir gefunden.“ Wenn auch auf dem leidvollen und gefährlichen Weg der Essstörung.

Essstörungen haben mehrere Ursachen. So ist es auch in meinem Fall. Vielleicht war die entscheidende Ursache in meinem Fall eine Hormonstörung. Dazu später mehr.
Anfangen möchte ich bei meiner Familie, denn dort finden sich viele der Merkmale, die Familien oft aufweisen, in denen sich Essstörungen entwickeln.
Im Folgenden beziehe ich mich bewusst auf die Mängel in unserer Familie, die einen fruchtbaren Boden für meine spätere Essstörung bildeten. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, wollte ich in positiver Hinsicht genau so weit ausholen. Trotzdem möchte ich, hervorheben, dass ich natürlich auch Schönes in meiner Familie erlebt habe, für das ich dankbar bin, und an das ich mich gern erinnere. Ich hatte im Grunde gute Eltern. Eltern, die für ihre Kinder gelebt haben, die sie so geliebt haben, wie es ihnen möglich war und die bemüht waren, ihnen die bestmögliche Grundlage für ihr weiteres Leben zu geben. Dass ihnen das nicht in allen Belangen gelungen ist, dass aus mir in meinen ersten 18 Lebensjahren kein lebenstüchtiger Mensch geworden ist, ist keine Frage der Schuld und ich werfe es ihnen nicht vor.
Die Eltern haben vielmehr ihre eigene Geschichte und konnten uns nur geben, was sie selbst in den Jahren davor bekommen oder in sich entwickelt hatten. Um Bedürfnisse bei mir zu erfüllen, die über die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schutz, einem sicheren Platz und Zuwendung hinausgehen, musste ich mich letztlich von meiner Familie loslösen. Meine Suche hat mich zunächst über Jahre auf den Irrweg der Essstörung geführt. Nach dem Abschied von der Essstörung habe ich die wesentliche Nahrung für meine Persönlichkeit schließlich als Erwachsene an anderen Orten und bei anderen Menschen gefunden.

Meine Mutter ist eine starke, in der Familie den Ton angebende Frau, von der ich mich zwar sehr gut versorgt, nicht aber ausreichend gefühlsmäßig unterstützt und persönlich begleitet erlebt habe.
Aufgewachsen in Kriegszeiten, hat sie ihre Mutter nach schwerer Krankheit als Dreizehnjährige verloren. Schon früh verlangte das Leben von ihr eine hohe Opferbereitschaft und erlaubte ihr nicht, nach eigenen Bedürfnissen zu fragen. Später hat sie sich ganz für die Familie geopfert und kaum etwas für sich verlangt. Dabei war sie in meiner Erinnerung kräftemäßig oft mit den familiären Problemen überfordert. Ich habe mich schon früh verpflichtet gefühlt, ihr die Last der Sorgen abzunehmen, um sie auf meinen Schultern zu tragen, obwohl das nie jemand von mir verlangt hat. Es war über die Jahre meiner Kindheit meine innere Aufgabe, für meine Mutter zu sorgen und ihre Bedürfnisse zu erahnen. Dies zu hinterfragen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, dass die Belange der Familie vor meinen eigenen Bedürfnissen standen. Dass dies der erste Schritt in Richtung Selbstentfremdung war, hat mir meine weitere Geschichte erst viel später gezeigt.

Mein Vater ging in den Jahren meiner Kindheit und Jugend in seiner Arbeit auf. Leider hatten wir Kinder nur wenig Kontakt zu ihm. Zwar war er an den Abenden und Sonntagen da, aber es war eine stille und wenig spürbare Präsenz. Ich hatte in meinem Vater nicht das ersehnte, kraftvolle Vorbild. Mein Hunger, die Welt zu entdecken und alles zu lernen, um eigenständig bestehen zu können, wurde von ihm nicht gestillt. Seine damalige Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen hat mich dazu bewogen, ihn vor Angriffen aus der Familie in Schutz zu nehmen. In diesem Sinne habe ich mit ihm die Rolle getauscht. Anstatt mich an ihm anzulehnen, wurde ich innerlich zu seiner Beschützerin und habe mich damit von meinen eigenen Bedürfnissen wegentwickelt.
So bin ich als Kind gar nicht auf die Idee gekommen, dass es seine und auch die Aufgabe meiner Mutter gewesen wäre, mir Schutz zu bieten, wenn ich mich im Kontakt mit Gleichaltrigen oder in der Familie immer wieder hilflos und ausgeliefert erlebte.

Dann ist da unsere Familiensituation mit komplizierten Verwandtschaftsverhältnissen. Schon als Kind und als jüngste von drei Geschwistern war ich innerlich immer wieder in der Rolle der Therapeutin für meine Familie. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, was in dieser Familie nicht stimmte. Über Jahre habe ich mit großem innerem Bemühen versucht, das was fehlte, auszugleichen: Ich wollte meinen Vater schützen vor den in meinen Augen oft unangemessenen Emotionen meiner Mutter, meiner Mutter Arbeit abnehmen, um ihre Gesundheit zu schonen, und meine Tante abschirmen von einer andauernden Feindseligkeit aus der Familie.
Ich strengte mich enorm an, um so zu sein, wie ich dachte, dass man mich haben will und bemühte mich, liebenswert und gut zu sein. Gelungen ist es mir letzten Endes nicht. Ich habe mich in meiner Kindheit und Jugend nicht wirklich gesehen und geliebt gefühlt und mich schließlich erschöpft in der Rolle, die ich für die Familie übernommen hatte.

Weiterhin prägte mich ein längerer Katalog an unausgesprochenen Regeln, die wir als Familienmitglieder einhielten.
Zum Beispiel war es tabu, eine Freundin zum Übernachten mit nach Hause zu bringen. So etwas taten wir als Kinder einfach nicht. Geschweige denn einen Freund. Alles was mit Erotik oder Sexualität zu tun hatte, war in hohem Maße peinlich.
Oder, dass von Familienkonflikten nichts zur Nachbarschaft durchdringen durfte. Man hatte sonst das Gefühl, Verbotenes getan zu haben und ein schlechter Mensch zu sein. Verstöße gegen diese Regeln wurden in meiner Erinnerung häufig mit mütterlichem Rückzug und langem Schweigen beantwortet. In diesen Zeiten war die Atmosphäre in der Familie sehr bedrückend und voller Angst und Depression.
In meiner Kindheit und Jugend lernte ich deshalb nicht, wie man mit Konflikten umgeht, welche Rolle Gefühle in Beziehungen spielen, wie man sie steuern oder regulieren kann, wie ich meine Sexualität leben kann, wie man sich auf gute Art abgrenzt und wie man sich selbst leben kann in einer Gemeinschaft von unterschiedlichen Menschen.

Dabei waren wir eigentlich eine ganz normale Familie, drei normale Geschwister, normale Eltern, die gute Eltern sein wollten und es in vielem ja auch waren, die uns in jeder Lebenslage ihre zuverlässige praktische Hilfe angeboten haben, und die sich nichts mehr gewünscht haben, als alles richtig zu machen.

Ich bin die Einzige in unserer Familie, die eine Essstörung entwickelt hat. Auch da liegen sicher Ursachen: Dass ich vielleicht empfindlicher, anpassungswilliger und verletzlicher war als meine Geschwister und damit sozusagen störungsanfälliger.

Viel wäre noch zu erzählen aus all den Jahren vor der Essstörung, was den Weg dorthin gebahnt hat:
Eine jahrelange extrem religiöse Phase in meiner Jugend war der Ausdruck meiner inneren Verlorenheit. Sie entsprach meinem Wunsch, mich von den anscheinend unliebsamen Seiten meiner selbst zu befreien und meiner unendlichen Sehnsucht, irgendwo richtig dazuzugehören.
Erfahrungen von Missbrauch haben meine Gefühle für meine Rechte und Grenzen in meinen ersten 25 Lebensjahren verletzt.
Das Gefühl, in welchen Gruppen auch immer ich war, Außenseiterin und irgendwie nicht richtig zu sein, schwächte zunehmend meinen Selbstwert und meine Selbstsicherheit.
Ein weiterer Mosaikstein im langsam entstehenden Bild meiner Essstörung war eine jahrelang unerkannte Entzündung meiner Schilddrüse, die zu einer starken Überversorgung meines Körpers mit Schilddrüsenhormonen führte.
Wer eine Schilddrüsenüberfunktion hat, hat dauernd Hunger, kommt nicht zur Ruhe, steht ständig unter Strom. Ich hatte mich über die Jahre an diese Zustände gewöhnt. „Man“ dachte, das sei eben meine Art und ich kam seltsamerweise nie auf die Idee, einen Arzt wegen meiner Gesundheit zu konsultieren.
Aber irgendwann war das Mass voll. Ich fühlte mich extrem fremdbestimmt von den Vorgängen in meinem Körper. Ich war nicht mehr mein eigener Herr und entwickelte im Gegenzug ein dringendes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmtsein. Damals war ich zwanzig und hatte gerade meine Physiotherapie-
ausbildung begonnen. Eines Tages beschloss ich, stärker zu werden als der Hunger, der mir keine Ruhe mehr ließ, und ihn zu besiegen.

In dieser Zeit lernte ich B. kennen und war ein paar Wochen lang über beide Ohren verliebt.
Und dann kam der Auslöser für die Essstörung, die die folgenden Jahre meines Lebens prägen sollte: Verletzungen in der Beziehung, die Trennung, und meine damalige Unfähigkeit, diesen Verlust richtig zu verarbeiten.
Damit begann es: Es war eine fixe Idee.
Ich hatte plötzlich den Einfall, weniger zu essen.
Innerhalb weniger Wochen reduzierte ich meine Essmengen massiv und entwickelte einen krankhaften Ehrgeiz, sowohl ein Mindestmaß an Kalorien am Tag zu mir zu nehmen, als auch, so wenig wie möglich Geld für Essen auszugeben. Über beides führte ich genauestens Buch.
Zunächst hatte ich dabei gar kein Ziel. Es schien einfach nur gut zu sein, was ich tat, weil es mir die unerträglichen Gefühle von Schmerz und Scham nahm, die mich als Folge der Trennung erniedrigten und mir meinen Selbstwert nahmen.
Mit solchen Gefühlen umzugehen, hatte mich niemals jemand gelehrt. In meiner Familie gab es solche Gefühle zwar auch, sie wurden allerdings totgeschwiegen oder im stillen Rückzug ausgesessen.
Die Körperempfindungen und inneren Zustände aber, die mein Hungern jetzt auslöste, waren stark genug, um alle schmerzlichen Gefühle auszulöschen.
Bald schlief ich nur noch wenige Stunden, stand in aller Frühe auf, um ein bis zwei Stunden durch den Wald zu laufen und war überhaupt mit der Zeit nur noch in Bewegung. Auch das half mir, mich selber anders zu spüren und mich nicht mit schwierigen Gefühlen oder Beziehungsfragen auseinandersetzen zu müssen.

Natürlich machte sich dieser Lebensstil sehr bald an meinem Gewicht und Körper bemerkbar. Ich nahm rasant ab.
Und so kam ohne eine eigentliche Absicht meinerseits ein ganz neues Betätigungsfeld ins „Spiel“, das meinen Ehrgeiz weckte.
Es war die Lust, meinen Körper immer dünner zu machen. Im Spiegel zu sehen, wie er magerer wurde und zu wissen, dass das MEIN WERK war.
Ich war begeistert, dass ich etwas konnte, das andere nicht können, dass ich stärker war als andere, weil ich auf Essen verzichten konnte, dass ich in EINEM Punkt besser war als andere: weil ich meinen Körper dahin zwingen konnte, wo ich ihn haben wollte!
Dass das Ganze eine Sackgasse war, ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Nach einigen Monaten aber war ich an einem Punkt angekommen, wo ich nicht mehr weiter wollte und konnte. Ich hatte massiv abgenommen, war nur noch Haut und Knochen, hatte mich von meinen Freunden zurückgezogen und war zusehends weniger belastbar. Bei einem BMI von 13,5 (39kg) streikte mein Organismus schließlich. Er wollte nicht mehr hungern oder besser: Er wollte Nahrung. Wir waren uns uneinig.

Und wieder war es eine Idee, die wie aus dem Nichts kam und mir scheinbar die Lösung präsentierte:
„Mach es, wie es die alten Römer auf ihren Orgien gemacht haben!“
So begann meine Bulimie. Ich übte mich im Erbrechen, im Kotzen und verlor mich schon bald in exzessiven Essorgien. Sie haben mich Tausende von Markt gekostet, unendlich viel Nerven, fast meine staatliche Anerkennung als Krankengymnastin, da ich mehrfach beim Nahrungsmitteldiebstahl erwischt wurde. Die Bulimie hat mich wertvolle Freundschaften und Beziehungen gekostet, beinahe meine Gesundheit, und viele Jahre meines Lebens.
Die Bulimie war mein Lebensinhalt zwischen meinem 22. und 26. Lebensjahr. Sie war mir wichtiger als meine Freunde und meine Familie, als meine Arbeit, als persönliche Werte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Achtung vor anderen Menschen.
Sie hat mich über Jahre hinweg berauscht, hat mir wie ein Suchtstoff Kicks gegeben und mich in eine immer tiefere und leidvollere und auswegslosere Abhängigkeit hineingezogen.
Ich war damals hilflos, machtlos, ausgeliefert, jeden Tag voll des Vorsatzes, dass ab morgen alles anders wird, jeden Tag erniedrigt durch die Erkenntnis, dass wieder alles beim Alten blieb.
Mein Alltag kannte damals nur ein Thema: Wie organisiere ich den nächsten Essanfall bei Tag, auf der Arbeit und wie bei Nacht?
Die Kosten für die Fress-Kotzanfälle waren immens. Bis zu 1500 DM flossen jeden Monat in die Toilettenschüsseln von Restaurants, Kneipen und meinem kleinen Appartement.
Es dauerte nicht lange, bis ich erschöpft war. Meine Gesundheit war bedroht. Insbesondere das Herz wegen des hohen Kaliumverlusts beim Erbrechen.
Ich war körperlich, seelisch und vor allem geistig am Ende. Ich hatte meine inneren Wert und Lebensziele für ein Leben zwischen Supermarkt, Restaurant und Kloschüssel geopfert. Ich war einsam, mir selber völlig fremd, gehetzt von der unerbittlichen Maschine meines Denkens und ohne eine wirkliche Perspektive für dieses Leben. Sterben wollte ich nicht. Das war nie mein Thema. Aber leben? So?

In meinem 25. Lebensjahr traf ich die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens:
Ich sorgte für meine Einweisung in eine psychosomatische Klinik.
Zwar ging es dort kaum um die Essstörung, und wie so viele habe auch ich nach den vier Monaten in der Klinik erstmal weitergekotzt, wenn auch weit weniger als vorher.
Trotzdem hat mir die Klinik unendlich viel gegeben: Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich eine Ahnung davon, wer ich eigentlich bin und was ich mit meinem Leben will. Ich habe dort zum ersten Mal verstanden, dass geliebt werden bedeutet, in seiner Wesensart erkannt und unterstützt zu werden. In diesem Sinn habe ich in dieser Klinik Liebe erfahren. Ich habe erlebt, dass es in dieser Welt einen Ort und Menschen gibt, die mir das Gefühl geben, dass ich einzigartig und liebenswert bin, ohne dass ich dafür irgendetwas tun muss. Ich habe erfahren, dass es in mir Gefühle und Zustände gibt, die reich und tief und ehrlich sind, und für die es sich lohnt, auf den Rausch der Sucht zu verzichten.
Ich habe gelernt, dass ein Leben ohne Essstörung nicht unbedingt leichter oder einfacher ist, aber stimmiger, ehrlicher, aufrichtiger. Und dass es das ist, was ich will.
Nach der Klinik war es noch ein langer Weg, um endgültig und für alle Zeiten vom Fressen und Kotzen loszukommen.
Ich hatte mit der Bulimie über mehrere Jahre meine persönliche Entwicklung und mein inneres Wachstum verhindert.
Gegeben hat sie mir LETZTENENDES nichts. Außer dem tiefen Verständnis für Menschen, die mit Essstörungen leben, welches meine heutige Arbeit bereichert. Und dem Wunsch, endlich ich selber zu werden, für den ich unendlich dankbar bin und der schließlich zum Wendepunkt in meinem Leben wurde.
So gesehen war die Essstörung in meinem Fall die Geburtshelferin für ein wahrhaft befreites und authentisches Leben.

Leider hatte ich nie eine Therapie, die auf Essstörungen ausgerichtet war. So hab ich es mir selbst zur Aufgabe gemacht, damit in aller Gründlichkeit aufzuräumen.
Dazu war es erstmal notwendig, Handwerkszeug zu erlernen:
Wie man mit Gefühlen umgeht, wie man Gedanken steuern und verändern kann, welche Bedeutung diese Empfindung oder jenes Gefühl hat? Ob ich bin, was ich denke oder das, was ich will, oder vielleicht das was ich fühle? Und was ist, wenn Mehreres und völlig Widersprüchliches gleichzeitig in mir ist? Was all die Stimmen in meinem Kopf zu bedeuten haben, die mir sagen, was ich tun oder lassen soll, und die mir viel Stress machen?
Ich musste lernen, wie ich mich selber entspannen kann und was ich dazu beitragen kann, um mit anderen Menschen in entspanntem Kontakt zu sein. Ich musste lernen, wie man mit Konflikten umgehen kann, wenn man sie nicht wegkotzt. Und ich musste lernen, mit Gefühlen da zu sein und ihnen einen inneren Raum zu geben. Den schwierigen Gefühlen, aber auch den schönen. Sehr viel von diesem Handwerkszeug haben mir die Psychotherapieausbildungen (Gestalttherapie; PBSP) mitgegeben.
Entscheidend aber war letzten Endes der tiefe und aufrichtige Wunsch, mich von der Essstörung zu befreien um ich selbst zu werden. Entscheidend war die Entschlossenheit, an mir zu arbeiten und mich im Gebrauch der Handwerkszeuge zu üben, jeden Tag, jede Woche, über viele Jahre ...

Es war ein langer Weg. Jeder Schritt darauf hat mich mir selbst und damit anderen Menschen näher gebracht. Viele Menschen haben mich auf diesem Weg begleitet, waren geduldig mit mir, haben in guten und schlechten Zeiten zu mir gehalten und mich durch dunkle und bedrohliche Abgründe begleitet. Ich bin ihnen zutiefst dankbar und fühle mich heute noch durch diese Freundschaften getragen.
Die Essstörung ist überwunden. Meinen Eltern bin ich inzwischen dankbar für alles, was sie mir gegeben haben. Was sie mir nicht ausreichend gegeben haben, die Nahrung für meinen Geist und meine Seele, suche ich nun da, wo ich sie finden kann: Bei Menschen, mit denen ich mich in der Tiefe meines Wesens verbunden fühle.
Fast jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken. Jeder Tag birgt die Möglichkeit zu innerem Wachstum, die Chance, mich in immer neue Formen des Lebens hinein zu geben und über meine Grenzen hinauszuwachsen.
Das ist für mich Menschsein, und ich habe es lieben gelernt.
Darin liegt für mich der Sinn, der sich fraglos aus dem wertfreien und tiefen Erleben des Augenblicks ergibt.
Es ist mein Wunsch, die Menschen in meiner Umgebung und die Menschen, die bei mir Hilfe suchen, etwas von dieser Liebe und meiner Freude am Leben spüren zu lassen.

Andrea Petruschke