Mein stiller Hunger nach weniger
oder
Wie ich lernen musste, Türen zuzuschlagen

Wie fange ich an, eine Geschichte zu erzählen, von der ich nicht weiß, wann sie begonnen hat?
Vielleicht fange ich einfach bei mir an, schließlich geht es hier ja irgendwie um mich, bin ich die Hauptperson dieser Geschichte. Meiner Geschichte, die, so persönlich sie auch sein mag, trotzdem der Geschichte von so vielen anderen Betroffenen ähnelt. Von viel zu vielen.
Ich heiße Anne-Sophie und bin gute 18 1/2 Jahre jung, von denen sich nahezu drei Jahre fast ausschließlich um Essen, vielmehr Nicht-Essen, Verzweiflung, Schuldgefühle und unvorstell-bar große Ängste gedreht haben. Angst vor dem Dickwerden, Angst vor der Zukunft, Angst davor, zu versagen, nicht zu genügen, es nicht verdient zu haben, leben zu dürfen. Drei Jahre, die, so hoffe ich, die schweste Zeit meines Lebens waren und bleiben werden, drei Jahre, in denen ich oft nur Millimeter davon entfernt war, einfach aufzugeben. Und doch drei Jahre, die mich unglaublich viel gelehrt haben, die mich haben Erfahrungen sammeln lassen, die ich jetzt, rückblickend betrachtet, nicht mehr hergeben möchte.

Diese gesamte Zeit, inklusive der Vorgeschichte, die zu alldem hingeführt hat (nebenbei be-merkt wüsste ich nicht einmal, wo genau ich da ansetzen sollte), zu beschreiben, würde den Rahmen hier natürlich sprengen. Und auf Berichte über Klinikaufenthalte, Essensmengen und
Gewichtszunahmen will ich mich hier und jetzt nicht fokussieren, da diese zwar zweifelsfrei einen Teil der Geschichte darstellen, jedoch für mich nicht das Wichtigste sind, nicht das, was ich hiermit vermitteln möchte.
Denn von was ich berichten will, sind meine Gefühle, meine Gedanken. Vor der Krankheit, währenddessen und heute.
Was ist anders an mir, dass ich als 15jähriges Mädchen angefangen habe zu glauben, ich wäre nicht gut genug für diese Welt, dass ich aufgehört habe zu essen mit dem Hintergedanken: "Desto weniger von dir noch da ist, desto besser, und irgendwann wird nur noch so wenig von dir da sein, dass du dich endlich annehmen kannst, dass du gut genug bist, um zu leben. Dann irgendwann nämlich wird dein wahres Ich zum Vorschein kommen und dann wirst du und werden alle anderen bemerken, dass auch du liebenswert bist." ? Natürlich kann ich auf diese Frage keine sichere Antwort geben. Vielleicht ist gar nichts anders an mir, vielleicht bin ich aber zu sensibel, zu selbstkrisch, wer weiß. Ich kann nur sagen, dass ich defintiv vergessen hatte, nicht mehr erkennen konnte, für was man mich beachten, mich lieben, mir Anerken-nung schenken sollte. Ich war für mich selbst wertlos geworden und ich hatte den Eindruck, in nichts auf der Welt wirklich gut zu sein, nichts zu können, nichts zu leisten, die Menschen um mich herum nur zu belasten. Bis ich dann das Hungern für mich entdeckt habe, diesen stillen Kampf gegen micht selbst, der mir endlich das Gefühl von Stolz, Erfolg und Selbstanerken-nung zurückgeben hat.
Wie sich alles weiterentwickelt hat, kann man sich an dieser Stelle schon denken: was für mich zu Beginn noch lobenswerte Leistung bedeutete, endete im absoluten Kontrollverlust, der auch dann nicht mehr aufzuhalten war, als ich selbst bemerkt hatte, dass an Stelle des Stolzes schon lange ein Gefühl von unendlicher Traurig- und Hoffnungslosigkeit getreten war. "Sieh es ein - du wirst NIEMALS gut genug sein, du bist es nicht WERT, beachtet zu werden!"
Doch gerade in diesem Augenblick kam die Aufmerksamkeit - und sie kam mit voller Wucht. Nicht so, wie ich sie mir einst erträumt hatte. Sie kam, weil allen um mich herum bewusst wurde, dass ich krank bin. Sehr krank. Und sie kam in vielen Formen: Entsetzen, Unverständ-nis, Wut, Mitleid... nein, so hatte ich mir das nicht erhofft. Hatte ich ursprünglich nicht ein-fach nur gewollt, dass man mir das Gefühl gibt, liebenswert zu sein, so wie ich bin? Aber wie ich wirklich bin, davon war ich jetzt in diesem Moment Meilen und Welten entfernt.

Was darauf folgte waren Tage, Wochen, Monate getrennt von meiner Familie, meinem Zu-hause. Klinikalltag, Therapiestunde um Therapiestunde, viele, viele vergossene Tränen und immer wieder das Gefühl von zwei Schritten vor und einem zurück, auf jeden Fortschritt folgt der nächste Rückschlag.
Und schließlich - zwar nicht geheillt, das war uns allen bewusst, aber anscheindend doch rela-tiv stabil, - der Schritt zurück in den "wirklichen" Alltag, der für mich den Schritt zurück in die Krankheit bedeutete. Da war er wieder, dieser furchteinflößende Alltag mit all den Men-schen, die in allem so viel BESSER sind als ich, die so toll sind, so beachtens- und liebens-wert. So perfekt.
Und bald darauf schon wieder der Weg zurück in die Klinik. Aber noch schneller bin ich wie-der daheim, weil wohl allen klar geworden ist, dass man mir, jetzt, in diesem Augenblick, so nicht helfen kann. Also was dann? Was jetzt? Gibt es auf dieser großen Welt denn nicht EINEN Menschen, der mich versteht, mir helfen kann? Der in mir wieder den Wunsch we-cken kann, nicht zu verhungern, sondern zu LEBEN?
- Ja, es gibt ihn und dass es ihn gibt, das durfte ich erfahren, indem ich zu Durch Dick und Dünn kam. Beinahe hoffnungslos, aber eben nur beinahe. Und dieser kleine Rest an Hoff-nung hat mich dazu gebracht, es noch einmal zu versuchen, mir noch einmal eine Chance zu geben. Und ich habe sie genutzt.
Auch in der Therapie bei Andrea Petruschke verlief mein Weg nicht immer eben und gerade, aber im Endeffekt habe ich mich doch nach vorne gekämpft. Ich habe gelernt, wieder zu es-sen, aber wie schon vorhin ist mir das nicht das Wichtigste. Viel dankbarer bin ich dafür, dass ich gelernt habe, mich anzunehmen, wie ich bin: nicht perfekt, aber nun mal so, wie ich bin. Alles andere ist nicht mehr länger erstrebenswert, denn ich habe gemerkt, dass Beachtung und Anerkennung ganz von selbst kommen, solange ich sie mir nur selbst auch schenke und nicht versuche, jemand anders zu werden. Ich muss nicht krampfhaft versuchen, anders, "beson-ders" zu sein - egal, was passiert, mich gibt es nur einmal und keiner ist genauso wie ich. Ich durfte lernen, wie es ist, Türen zuzuschlagen und laut und deutlich meine Meinung verlauten zu lassen, ohne dabei befürchten zu müssen, jetzt kein guter Mensch, keine gute Tochter, kei-ne gute Freundin mehr zu sein.
Und auch, wenn natürlich nicht jeder Tag ein Sonnen-Tag ist und ich nur allzu oft an mir selbst zweifle, so weiß ich trotzdem wieder, dass mein Leben lebenswert ist, dass ich es ver-dient habe, hier zu sein.
An dieser Stelle: Liebe Frau Petruschke, für das, was Sie für mich getan haben, gibt es keine Worte, die dem allen gerecht werden könnten. Sie haben mir gezeigt, wie schön es sein kann, zu leben. Von Anfang an haben Sie mir das Gefühl gegeben, angenommen und geschätzt zu sein. Für das und für alles andere werde ich Ihnen immer dankbar sein.

"Verstehe, dass das Leben eine Reise ist. Lerne, an ihrem Ende zu lächeln." (aus China)

Ob ich am Ende meiner Reise lächeln werde, das vermögen weder ich noch sonst irgendein Mensch zu beantworten. Aber auch, wenn diese Reise für mich bis jetzt oft allzu ermüdend und beschwerlich war, so habe ich auf dem Weg hierher doch etwas gefunden, was mich bis zum Ende meiner Reise begleiten wird: mich selbst.

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