MAGERSUCHT (ANOREXIA NERVOSA)

"Der Zwang zu hungern"

Was ist Magersucht?
Wer Hunger hat, will essen. Das ist bei Magersucht anders. Der Hunger bekommt eine neue Bedeutung. Seine Beherrschung wird zu einer Herausforderung, an der Magersüchtige ihre Stärke und nicht zuletzt ihren persönlichen Wert messen.
Die Kontrolle über den Hunger, das Essverhalten und über das Körpergewicht ersetzt die Befriedigung echter psychischer Bedürfnisse und bekommt damit suchtartigen Charakter. Für ca. 2% aller 13-35-jährigen werden Hungern und die Beherrschung der körperlichen Bedürfnisse zu einem Lebensinhalt, der bei ca. 15% zum Tod führt.

Wie entwickelt sich in eine Magersucht?
Magersucht beginnt meist schleichend und wie alle Essstörungen im Kopf:
Am Anfang steht die Idee, auf Nahrungsmittel zu verzichten oder abzunehmen. Sehr häufig sind Diäten der Einstieg in ein Abnehmprogramm, das dann nicht mehr aus freiem Willen gestoppt werden kann.
Fett und Zucker werden vom Speiseplan gestrichen. Nach und nach werden immer mehr Nahrungsmittel weggelassen. Mahlzeiten fallen aus oder werden zeitlich nach hinten verschoben, um die Hungerphasen zu verlängern.
Im Extremfall beschränkt sich die Nahrungsaufnahme am Tag auf ein paar Äpfel und ein bisschen Magerjoghurt. Dabei treiben viele Magersüchtige übermäßig viel Sport.
All das führt zu einer schnellen Gewichtsabnahme, die sich ab einem gewissen Punkt der eigenen Kontrolle entzieht. Man kann es nicht mehr stoppen, auch wenn man will. Und man kann es vor allem nicht umkehren und wieder zunehmen. Dieser Kontrollverlust ist unter anderem ein wichtiges Merkmal der Magersucht.

Was geht in magersüchtigen Menschen vor?
Das Denken kreist oft nur noch um Essen, Kalorien und um die extreme Angst, zuzunehmen. Gleichzeitig empfinden sich die stark untergewichtigen Menschen häufig als dick (Körperbildstörung).
Manche Menschen mit Magersucht erliegen irgendwann dem enormen Drang nach Essen. Damit handeln sie gegen das Essverbot der Magersucht, was ein quälendes schlechtes Gewissen zur Folge hat. Aus Angst vor Gewichtszunahme erbrechen sie das Gegessene wieder oder trainieren es mit extremem Sport ab.
Im Umgang mit anderen Menschen erspüren Menschen mit Essstörungen oft feinsinnig deren Bedürfnisse und passen sich stark an, um sich damit, wie auch durch Leistung und Perfektion, Zuwendung und Anerkennung zu sichern. Dadurch verlieren sie aber den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen. Das magersüchtige Verhalten wird dann zur vielseitigen Ersatzbefriedigung oder auch zum Lebensinhalt in einem persönlich unerfüllten Leben. Magersüchtige Menschen leiden häufig unter verschiedenen Zwängen, Ängsten oder Depressionen, unter Isolation und Einsamkeit.

Welchen Sinn hat dieses widersprüchliche Verhalten?
Die Beherrschung und Unterdrückung des Hungers und anderer Bedürfnisse verleiht ein Gefühl von Stärke, Sicherheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit, Kontrolle und Lebenssinn.
Diese Gefühle ersetzen bei Menschen mit Magersucht ein gesundes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und natürlichen Abgrenzung.

Wie wirkt sich Magersucht auf den Körper aus?
Die Haut wird trocken, die Haare fallen aus und werden trocken und dünn.
Das Zahnfleisch weicht zurück (Paradontose) und die Zähne werden anfällig für Karies (Löcher im Zahnschmelz).
Durch die Gewichtabnahme bleibt bei Mädchen/Frauen oft die Monatsblutung (Menstruation) aus, was Unfruchtbarkeit oder verminderte Knochendichte (Osteoporose) zur Folge haben kann.
Die Schilddrüse produziert oft zu wenig Hormon (NTI: Non-Thyreoid-Illness), was zu komplexen Stoffwechselstörungen führt.
Bei jugendlichen Magersüchtigen kann die Gehirnentwicklung auf Grund des Nährstoffmangels stagnieren (stehen bleiben).
Es kann durch den gestörten Eiweißstoffwechsel zu Nierenschäden kommen.
Das Blutbild weist verschiedene Störungen auf.
Magersüchtige Menschen frieren viel, (weil das Wärme speichernde Fett fehlt), können sich schlecht konzentrieren, (weil dem Gehirn Zucker zum Verbrennen fehlt), und schlafen schlecht.
Die Lust auf Sexualität geht verloren.
Männer leiden unter Impotenz.
Die Denkprozesse folgen zwanghaften Mustern.
Mit andauernder Magersucht wird die Stimmung meist bedrückt bis depressiv und es kommt immer mehr zum Rückzug vom Leben und von Freunden.
Ungefähr 15% sterben an den Folgen der Magersucht.